Berliner Wohnung

Der Wasserdampf, der aus dem winzigen Emailletopf aufsteigt und sich im leeren Raum verliert, wirkt, als würde er gar nicht wirklich stattfinden, gar nicht existieren, fast so, als wäre er nur eine verschwommene Erinnerung an ein Leben, das es in diesem Raum einmal gab.

Ich sitze auf der Fensterbank und schaue in die schlauchige Küche, an deren schmaler Stirnwand Spüle und Herd stehen. Mit ihrem altmodischen Fußbodenmuster und den angelaufenen Kupferrohren an der Wand scheint sie wie aus der Zeit gefallen. Es ist still. Feine Holzsplitter kleben an meiner Strumpfhose; sie sind die letzten Überbleibsel der umfassenden Renovierungsmaßnahmen, die sämtliche Spuren der lang bewohnten Wohnung ausgemerzt haben. Neue Fenster sind eingesetzt worden, das Bad renoviert, die Wände verputzt und gestrichen. Der Geruch nach frischer Farbe hängt so präsent in den hohen Decken, dass er nicht nur alle olfaktorischen Reize überdeckt, die es möglicherweise einmal gab, den Geruch nach dir, sondern auch visuelle Spuren der ausgelebten Räume. Wenn es welche von dir an der Wand gab, die verraten hätten, dass du Raucher warst oder sie mit Bildern geschmückt hast, so sind sie jetzt ausgelöscht. Ich kann nichts mehr von dir erfahren. Deine Aura ist einfach übermalt worden. 

Während ich auf der Fensterbank sitze, die in der Küche etwas breiter als in den übrigen Räumen ist, wird mir schlagartig bewusst, wie allein ich in dieser Wohnung bin und dass es wirklich nur ich und die spärliche Küchenausstattung sind, die diese Räume mit Leben füllen. Im Wohnzimmer indessen liegt meine Luftmatratze, so weiß bezogen, dass sie still mit der Wand und dem hellen PVC verschmilzt und dabei kaum ins Gewicht fällt. Nichts ist da, das meine Aufmerksamkeit vom immer lauter werdenden Geräusch des siedenden, bald kochenden Kaffeewassers ablenken würde. Hast du auch manchmal einfach dagesessen und auf das Kochen des Kaffeewassers gewartet? Hast du überhaupt Kaffee getrunken oder lieber Tee? 

Bevor ich in die leere Wohnung gezogen war, war ich von Lärm und Menschen umgeben. In der Nacht legte ich mich in ein Bett mit weicher Matratze, zog die Federdecke hoch bis zur Nasenspitze und hörte dem Rauschen der Rohre zu. In der Wohnung über meinem Zimmer wurde Musik gespielt, von den Straßen tönte Hupen, Hall und Gekeife und dazwischen, darunter, darüber lag ich in meinem Kokon aus Federn und musste mich nicht sorgen, allein zu sein und auch von der Stille ging keine Bedrohung aus, vielmehr gab es sie nur in der Theorie. Schlafen konnte ich immer und wenn ich aufwachte, war die Musik von oben meist das erste, was ich hörte.  Währenddessen hast du hier in deinem Bett gelegen, vielleicht dort, wo jetzt die Luftmatratze keinen Mucks macht. Dies waren deine letzten Tage, die Kisten sicher schon gepackt. Meine Nachbarin sagte, dass du ein sehr ordentlicher Mensch warst.

Wir tauschten, ohne Handschlag. Ich ahnte, ich würde mich irgendwann zurückziehen müssen in die Ruhe, an den ewig herbeigesehnten, lang vermissten eigenen Platz. Es hätte nicht sofort passieren müssen, doch es wurde immer dringlicher und nun befinde ich mich hier, an einem ausradierten Ort, der mein Territorium, meine Zentrale, mein Obdach ist. 

Laut Stadtkarte liegt die Wohnung mitten im Großstadtgeschehen. Nur wenige Meter von meiner Haustür entfernt verlieren sich Nachtschwärmer in zahlreichen Clubs. All das passiert in unmittelbarer Nähe und doch völlig außerhalb meiner Wahrnehmung. Ich schlafe und lausche im Seitenflügel eines alten Wohnhauses, das sich schüchtern die Hände vor sein Gesicht zu halten scheint, um nicht sehen zu müssen oder entdeckt zu werden. In der Nacht brennt das Hoflicht als wäre es Wächter über diesen geheimen Ort und wenn ich aus den großzügigen Fenstern blicke, sehe ich nichts als eine Wand, die die Stadtgeräusche kaschiert und alle Blicke abschirmt, eine weit hochgezogene, graubraune Hauswand. Sie sieht traurig aus, nach einer vergessenen Zeit, und doch ist sie voll da, so präsent, und ich weiß nicht, ob ich Mitleid mit ihr haben, sie hassen oder gar an ihr verzweifeln soll, weil sie mir so sehr die Sicht versperrt auf den Himmel, auf die Welt da draußen. Hast du dich mit ihr arrangiert? 

Hof und Wohnung sind zusätzlich umstellt von modernen Neubauten mit riesigen Fensterfronten und einer weiteren Wand aus Backstein, die aussieht wie ein mitgenommener Straßenkater mit fettigem Fell, fehlenden Zähnen und abgeknickten Schnurhaaren. In dieser Komposition bin ich eingekesselt und umzingelt von Geschichte, die ich nie werde entziffern oder nachvollziehen können. Die vielen unterschiedlichen Gemäuer tragen bei zu einem Gefühl der Heimlichkeit. Und während die Bewohner der Neubauten die Stadt überblicken, das Wetter sehen, verbleibe ich in architektonischer Isolation.

Ich höre mich atmen. Ich wache nicht mehr auf der weichen Matratze auf und über mir spielt niemand Musik. Jetzt weckt mich das tiefe Quietschen der Luftmatratze, das von den Wänden widerhallt, und das Zwitschern der Vögel, manchmal verirrt sich sogar einer zwischen den Gitterstäben des französischen Balkons und schaut zu mir herein. Ich kann nicht sagen, dass es hier wirklich schön ist, doch trotzdem bin ich fasziniert. Die Leere und die fehlenden Möglichkeiten, der umstellte Ausblick und das Rätseln um ein vergangenes Leben laden mich ein, mir alles ganz genau anzusehen, zurückzublicken, zu sehen, was ist. 

Ganz oben, dort wo die Wand endet, kann ich eine Dachterrasse ausmachen. So richtig belebt sieht sie nicht aus, die Pflanzen sind verdorrt, die Tontöpfe gesprungen. Die Sonne malt schöne Schatten auf die graubraune Patina der Hauswand. Ich höre mich und den Raben und das Zwitschern und den Wind. Das echte Leben findet außerhalb dieser Gemäuer statt. Hier bin nur ich.

Vor einem Jahr hat nebenan ein moderner Kaffeeladen geöffnet, doch du bist vermutlich noch in dem dunklen Imbiss neben unserer Hausnummer verkehrt, der genau wie meine Küche als verwaschene Erinnerung erscheint, nur etwas lebhafter. Das Coca-Cola-Schild über der Tür ist kaum noch zu lesen und im Dunkel des Raumes werben handgeschriebene Papiere für Frikadellen, Bockwürste und hausgebackenen Kuchen. 

Bestimmt hast du diesen Ort gemocht. Er passt zu deinem Alter und wird jetzt mit meinem Leben verwachsen, wird Gewohnheit, wird normal. Je mehr sich meine Stunden hier summieren, je heimischer ich werde in den rätselhaften Räumen und Freundschaft schließe mit der neuen Umgebung, desto stärker kann ich die Leere als Anfang begreifen, den es auszumalen gilt. 

Jetzt kocht mein Kaffeewasser und zum ersten Mal ist es recht laut in der Küche.

 

(Text für Jana Schwinkendorf zum Thema Einsamkeit, 2017)