Paris

Einen kleinen Teil meines Sommers verbrachte ich in Paris und noch ehe ich die Seine vollständig abschreiten konnte, war mein idealisiertes und romantisch verklärtes Bild der Stadt überholt, oder vielmehr eingeholt von einer engeren, penetranteren Stadt als die meiner Vorstellung; einer Stadt, die so schön anzusehen ist und doch das Gefühl erweckt, sie sich am Abend vom Leib waschen zu wollen. In Cafés und Restaurants fand ich mich häufig dicht an dicht hinter Tischchen gedrängt und von Stuhlbeinen umstellt inmitten einer plappernden Menschenmenge wieder, deren hantierende Gliedmaßen permanent in das letzte bisschen Privatsphäre eindrangen. Kurz gesagt: Die Stadt forderte viel, war laut und anstrengend. Doch immer, wenn mein ursprünglich imaginiertes Bild von Paris endgültig zu kippen drohte, konnte es durch etwas Reizvolles wieder ausgeglichen werden. Mal waren es die stillen Spiegelbilder, die die Wasseroberfläche des Kanals St. Martin zurückwarf, mal derartig klischeebehaftete Erscheinungen, dass ich für kurze Momente sehr amüsiert über den stillen Humor dieser Welt war. Oft war es eine der zahlreichen Boulangerien, die mich magnetisch angezogen haben. Sie lockten durch ihre äußere Erscheinung, etwa durch reich verzierte, mit Farbe und Schrift bemalte Holzfassaden oder üppig bestückte Schaufenster. Kaum waren wir in eines dieser Schlaraffengeschäfte eingekehrt, umarmte mich eine friedliche Stimmung und ich empfand die vielen kunstvollen Gebäckstücke als beinahe rührend, wie sie fernab vom Lärm der Straßen schüchtern und kostbaren Ausstellungsstücken gleich hinter Glas schlummerten. Wurst, Käse oder Fisch kann ich nie auf diese Art wahrnehmen, da bewundere ich höchstens die Preisschilder, die wie Gipfelfahnen in den Fleischbergen und Käserädern stecken.

Ich hätte gerne mehr Zeit und mehr Geld gehabt mich durch die vielen Boulangerien, Pâtisserien, Crèmerien und Restaurants zu probieren. Das wäre vielleicht ein Grund, doch noch einmal wiederzukommen und inmitten herumfuchtelnder Gliedmaßen, Dreck und Straßenlärm in den weichen, buttrig-süßen Teig eines croissant aux amandes zu beißen.