Getöse

Es gibt ein Geräusch, das ich sehr mag, ein Geräusch so monoton, dass es vergleichbar ist mit einem Blick, der in die schwarze Nacht oder gegen eine leere Hauswand fällt, im Gegensatz zu einem stillen Blickfang aber laut ist, ganz deutlich lebendig, alles andere als Stillstand. Ich nenne es Getöse.

Zum ersten Mal verliebte ich mich als Kind in dieses Geräusch. Nach dem abendlichen Bad saß ich oft auf dem flauschigen Teppich, die Stirn auf die hochgezogenen Knie gelegt, Schienbeine mit beiden Armen umklammert, und ließ mir die nassen Haare föhnen. Die Augen hielt ich geschlossen und mochte sehr, dass nichts anderes zu hören war als dieses Tosen, das mich gewissermaßen umarmte und wärmte und jeden Kubikmeter Luft im gekachelten Badezimmer gleichmäßig ausfüllte. Später fiel mir auf, wie sehr ich das Getöse auch bei Fortbewegungsmitteln mag, das Rauschen auf Autobahnfahrten zum Beispiel oder das von großen Flugzeugturbinen. Auch Staubsauger, die die Mittagsruhe untermalen, Ventilatoren oder das Surren sehr alter Kühlschränke gehören dazu, obwohl diese ein vergleichsweise leises Getöse abgeben.

Mit Getöse meine ich eine Geräuschkulisse, die in endloser Schnur und konstanter Penetranz über außenstehende Laute hinwegfegt- ein lautes Tosen, das das Gefühl vermittelt in einer schwer beschallten Taucherglocke zu stecken und die Aufmerksamkeit so sehr nach innen drängt, dass deutlich zu vernehmen ist, was in diesem Moment noch lauter klingt als das Tosen selbst, nämlich die eigenen Gedanken. Im Dröhnen und Brausen werden ausufernde Überlegungen in Gang gesetzt, die dann in andauernder Trance warmlaufen, weich umfüttert und wie von einem locker verschnürten Korsett zusammengehalten. Das Getöse wird dabei zu einer nahezu sorgenfreien Gedankengrundlage, einem Gedankenbett, vorzustellen wie eine nackte Scheibe Brot, die darauf wartet fantasievoll belegt zu werden.