Sammeln

Beinahe jeder Mensch sammelt. Nicht immer bewusst und manchmal ganz nebenbei, ohne weiteres Nachdenken über seine Gründe. Die Dinge sammeln sich so an. Wände werden mit Souvenirs behangen, Zeitschriftenstapel wachsen zu Bergen heran und Portemonnaies reißen vor lauter Zetteln und Karten die Nähte.

Meist geschieht das Sammeln allerdings mit bewusster Planung und langfristiger Strategie aus einem oft unerklärlichen Drang heraus. Das sind die Sammler, von denen man gemeinhin gerne spricht – manche voll neurotischer Obsessionen, einige andere auf sympathische Weise verrückt, ihrer Sammeltätigkeit stets mit Leidenschaft nachgehend. Sie legen Listen an, ordnen und archivieren und stellen ihre Dinge in Alben, Schatullen, Vitrinen oder Setzkästen zur Schau, während sie sie gelegentlich abstauben und bewundernd inspizieren. Sie durchkämmen Flohmärkte, Antiquariate, Sammlerbörsen und Zeitschriften auf der Suche nach ihren Dingen. 

Längst haben sich Sammelklassiker wie Briefmarken oder Füllfederhalter etabliert, aber auch Dinge aus der Natur wie Muscheln oder Mineralien sind beliebt, die auch ich sammelte, als ich noch ein Kind war. Ich erinnere mich auch an das Sammeln und rege Tauschen von Stickern, Überraschungsei-Figuren und Diddl-Blättern während der frühen Schulzeit. Später sammelte ich Bananenaufkleber, Obsttüten und Glücksmomente meines unmittelbaren Umfelds, sammelte und archivierte Bilder, Briefe, Rezepte, Souvenirs, und Bücher, schrieb Listen, erstellte virtuelle Ordner und bestückte meine Wände mit wechselnden Bildarrangements. Heute gilt eine große Leidenschaft dem Sammeln von Bildmaterial aus digitalen Archiven, das ich auf externen Festplatten archiviere. Darunter finden sich alte Fotografien, deren Bildfehler, lagerungsbedingte Verfärbungen und kameraspezifische Formate und Tönungen mich anziehen. Ich sehe mir gerne abgebildete Landschaften und Städte darauf an, betrachte Architektur und Menschen mitsamt ihrer Hüte, Frisuren, Kleidungsstücke und Körpersprache. Mir gefällt es, Begebenheiten in diese Bilder hineinzudenken, die so wahrscheinlich niemals stattgefunden haben, und ich schätze das fortwährende Rätseln. Immer bleiben Fragen nach dem Fotografen zurück, Fragen nach abwesenden Bestandteilen der portraitierten Situation, Fragen nach dem Kontext. Doch nicht nur Fotografien, auch vermeintlich banale Reste, abstrakte Abbildungen und andere Bildteile finden Eingang in mein Bildarchiv: technische Zeichnungen, Illustrationen, ungewöhnliche Formen, Muster, Schriftzüge und Dekor.

Mir nicht bewusst, wie viel ich eigentlich sammelte und wie omnipräsent das Sammeln selbst ist. Ich befragte mein Umfeld und erkannte, dass auch dort beinahe jeder irgendetwas sammelt: Bernsteine, Kinokarten, Songzeilen und Radiergummis – sogar Kotztüten. Einige sammeln Arbeitsmaterialien, andere Souvenirs, Kaffeebecher oder Comics. Im Keller meines Elternhauses tummeln sich ebenfalls verschiedenste Sammlungen wie Dias, Bleilettern und Eierbecher, die nun von Schneidern beklettert und Staub bedeckt auf ihre Enthüllung warten. Auch Zeitungen und Internetartikel widmen sich seit Jahren immer wieder Sammlern, die stolz in einem Meer aus Badeenten thronen oder in der tickenden Geräuschkulisse ihrer Kuckucksuhren sitzen. Alles kann gesammelt werden und alles wird gesammelt.

»Was die Privatsammlung angeht, so trifft man darin auf die seltsamsten Gegenstände, von denen man allein schon aufgrund ihrer Banalität nicht erwartet hätte, daß sie je das geringste Interesse beanspruchen könnten. […] [M]an kann ohne Abstriche feststellen, daß jeder Naturgegenstand, von dessen Existenz die Menschen Kenntnis haben, und jedes Artefakt, wie sonderbar auch immer es sein mag, in irgendeiner Privatsammlung oder einem Museum zu finden ist.« 1

Das Sammeln ist dem Menschen eigentlich ganz natürlich. Man könnte sogar sagen: Es liegt ihm im Blut, denn es ist Teil seiner Entwicklungsgeschichte. Unsere Vorfahren waren Jäger und Sammler und mussten sich ihre Nahrung in der Natur zusammensammeln, um überleben zu können – das Sammeln war somit Lebensprinzip. Dieses Verhalten verschwand auch mit Einsatz des Ackerbaus nicht, sondern entwickelte sich im Gegenteil weiter. Angesammelte Lebensmittel und Güter, die in anderer Hinsicht wertvoll waren, brachten dem Menschen auch eine vorteilhafte Stellung in der Gesellschaft ein. Dem Sammeln kam somit nicht nur Bedeutung hinsichtlich des Überlebens zu, sondern hatte auch mit Status zu tun. Schon immer brachte das Sammeln auch positive Gefühle wie Freude oder Stolz mit sich und wenn heute jemand einen Bernstein im Sand entdeckt oder während eines Urlaubsfluges eine Kotztüte aus der Tasche des Vordersitzes fischt, sind die Glückshormone, die über diesen Fund ausgeschüttet werden, dem Erfolgserlebnis des Urmenschen nicht unähnlich. Diese Glücksgefühle regten den Urmenschen immer wieder an, auf die Suche zu gehen und sie tun es bis heute. 

Der Sammeltrieb scheint schon bei Kindern ein ganz selbstverständlicher Vorgang zu sein. Im Kleinkindalter entdecken sie die Welt, die sich in ihren Sammelobjekten widerspiegelt, und können im Sammeln ihr eigenes Weltbild aufbauen und Erfahrungen sammeln. Der französische Philosoph und Soziologe Jean Baudrillard beschreibt das kindliche Sammeln als »rudimentärster Ausdruck der Herrschaft des Kindes über die Umwelt.« 2 Doch das Sammelfieber geht weit über den Urmenschen und das kindliche Sammeln hinaus – in jeder Altersgruppe, jeder Kultur und jedem Land scheinen die Dinge eine magische Anziehungskraft zu versprühen und rücken für den Sammler als Träger von Geschichten und Zeugnissen »zu einer magischen Enzyklopädie zusammen« 3. »Sammler sind Physiognomiker der Dingwelt« 4, schrieb Walter Benjamin in seinem Prosatext »Ich packe meine Bibliothek aus«, der von seiner eigenen Lust des Büchersammelns erzählt. »Man hat nur einen Sammler zu beobachten, wie er die Gegenstände seiner Vitrine handhabt. Kaum hält er sie in Händen, so scheint er inspiriert durch sie hindurch, in ihre Ferne zu schauen.« 5 

Neben dem teils kuriosen, banalen oder belächelten Sammeln existieren institutionalisierte, öffentlich anerkannte Formen der Sammlung wie Archive, Bibliotheken, Museen oder Ruhmeshallen, die wichtige Kulturgüter enthalten und langfristig Identität sicherstellen. In der Literatur wird das Sammeln und Archivieren oft zum Thema erhoben und hat auch in der Kunst Konjunktur, die sich in den 60er Jahren kritisch mit dem Abfall der Konsumgesellschaft befasste, verbrauchte Konsumgüter sammelte und in Objektassemblagen und andere Kunstobjekte übersetzte. »Kunst und Sammeln gehören zusammen – sowohl Künstler/-innen als auch Sammler/-innen lassen sich als kreative Menschen begreifen, die Welt und Wirklichkeit erzeugen, aufnehmen und in ihren unterschiedlichen kulturellen Formen ausdrücken.« 6 Auch die Industrie hat die Sammelneigung als globales Phänomen erkannt und längst in gewinnbringende Werbekonzepte wie Sammelbilder oder Coladosen übersetzt. Das Sammeln ist in sämtlichen Lebensbereichen so präsent, dass man mit Fug und Recht behaupten kann: Wir leben in einem Zeitalter des Sammelns, indem das Sammeln zur Alltagskultur geworden und als globales Phänomen zu werten ist.

1 Pomian: Der Ursprung des Museums, S. 13
2 Baudrillard: Das System der Dinge, S. 112
3 Benjamin: Ich packe meine Bibliothek aus (http://gutenberg.spiegel.de/buch/kurze-prosa-6570/2)
4 Ebd.
5 Ebd.
6 Wilde: Dinge sammeln, S. 38

Auszug aus Sammeln. Ordnen. Gestalten.